Mehr Wir, weniger Ich: die WIR eG Braunschweig

Aus: ihk-wirtschaft-online.de, Freitag, 06 Februar 2015

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Erinnern Sie sich noch an die Ich AG? An den Zuschuss, der zu Beginn des neuen Jahrtausends den Schritt in die Selbstständigkeit erleichtern sollte? 17 Menschen kamen seinerzeit in Braunschweig zusammen, um mit Unterstützung der Stadt, der Agentur für Arbeit und des Diakonischen Werkes Braunschweig ihre Genossenschaft zu gründen. Ein wichtiger Unternehmenszweck neben dem eigenen Wohl: mit unternehmerischen Mitteln auch das Allgemeinwohl zu fördern. Der Blick auf die Gesellschaft, auf das große Ganze ist Programm. »Wir sind keine Ich AG, sondern die WIR eG«, sagt Jutta Jetzke.

Jutta Jetzke ist Vorstand der WIR eG, der regionalen Genossenschaft für haushaltsnahe Dienstleistungen mit 20 Mitarbeitern. Haushaltsnahe Dienstleistungen für Privatleute – das sind zum Beispiel Reinigungs-, Garten- und einfache Handwerkerarbeiten, das sind Einkaufen, Kochen, Seniorenbetreuung und Technikhilfe. Einmal im Monat, wöchentlich, oder täglich übernehmen die Mitarbeiter all die Tätigkeiten, die Menschen in ihrem Haushalt nicht erledigen möchten – oder auch nicht können, weil sie die Aufgaben wegen Berufstätigkeit, einer Krankheit oder aus Altersgründen nicht schaffen. Die WIR eG hilft, das Alltagsleben vieler Menschen in Gang zu halten. »Was wir machen, ist soziale Ökonomie«, meint die 56-Jährige.

»Jeder Mitarbeiter hat eine Berufsausbildung«


Diese Blickrichtung gilt auch für das eigene Team. Ein großer Teil sind Frauen mit schulpflichtigen Kindern. Für sie ist das Unternehmen eine gute Möglichkeit, das Familien- mit dem Berufsleben zu vereinen. Weil die WIR eG ihnen viele Freiheiten gibt, die Arbeitszeit und das Arbeitspensum selbst zu bestimmen. Jeder Mitarbeiter hat eine Berufsausbildung abgeschlossen; und jeder soll sich nach Vorstellung von Jutta Jetzke weiter fortbilden können. Damit die Branche echte Gütesiegel herausbilden und der große Markt haushaltsnaher Dienstleistungen weiter wachsen kann.

Seit der Gründung der WIR eG vor neun Jahren hat sich eine Menge unter dem Unternehmensdach verändert. Insbesondere das Jahr 2010 markiert eine neue Zeitrechnung: Seitdem bildet Jutta Jetzke gemeinsam mit Georg Wloka den Vorstand, um das Unternehmen weiter nach vorn zu bringen. Aus den 17 Genossenschaftsmitgliedern von einst sind mittlerweile 42 geworden, und viele von ihnen übernehmen eine wichtige Aufgabe – als Anstoßgeber für die Weiterentwicklung der WIR eG. »Wir brauchen ein Netzwerk und gute Ideen. Und deswegen brauchen wir auch die Genossenschaft.«

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Jutta Jetzke mit einem Teil ihrer 20 Mitarbeiter

In der Genossenschaftsversammlung sitzen Mitarbeiter, Kunden und auch die Propstei Braunschweig der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche. Sie alle schauen aus unterschiedlicher Perspektive auf die WIR eG. In den Augen von Jutta Jetzke ermöglicht diese Zusammensetzung eine hohe Gestaltungskraft, um neue Dienstleistungen ins Angebot aufzunehmen und das Unternehmen weiter zu professionalisieren.

Was sich die gebürtige Thüringerin von Herzen wünscht, ist mehr öffentliche Wertschätzung für das, was ihre Branche leistet. Abwaschen, Unkraut jäten, Hol- und Bringdienste – das seien doch gewöhnliche, unscheinbare und deswegen vergleichsweise billige Arbeiten, die im Grunde jeder erledigen könne, denken viele. Jutta Jetzke sagt, dass das Gegenteil der Fall ist. »Wir als Unternehmen und unsere Kunden sind abhängig von fleißigen, zuverlässigen, selbstbewussten und absolut vertrauenswürdigen Mitarbeitern.«

»Das Image haushaltsnaher Dienstleistungen muss sich ändern«


Sie meint, dass sich das Image haushaltsnaher Dienstleistungen grundlegend ändern müsse – und arbeitet daran. Jutta Jetzke ist Vorsitzende des Bundesverbandes haushaltsnaher Dienstleistungsunternehmen (BHDU), eine deutschlandweite Interessensvertretung von Arbeitgebern aus dem Bereich Haushalt und Familie mit 50 Mitgliedern. Lobbyarbeit bei Entscheidungsträgern und Politikern und auch der Kampf gegen die Schwarzarbeit zählen zu den Themen, die ganz oben auf der Aufgabenliste stehen.

Dass ihre Branche wichtig und wertvoll ist, steht für Jutta Jetzke außer Frage. »Wir schaffen neue sozialversicherungspflichtige Jobs für die Region und tun Gutes.« In vielen Fällen entwickelt sich zwischen Mitarbeitern und Kunden sogar ein so gutes Verhältnis, dass sie mehr sind als Haushälter, Gartenarbeiter oder Handwerker. Nämlich eine echte Vertrauensperson, die das Kind aus dem Kindergarten abholt oder sich für die Fahrt zur Krankengymnastik ans Steuer des Autos setzt.

»Ein fester Stamm von 80 Kunden«

Seit vier Jahren trägt sich die WIR eG ohne Zuschüsse aus eigenen Kräften – mit einem festen Stamm von zurzeit etwa 80 Kunden überwiegend in Braunschweig. »In zehn Jahren gehe ich in Rente«, sagt Jutta Jetzke. »Dann wollen wir so weit sein, dass man überall in der Region unsere Dienste gern in Anspruch nimmt.«

Bild oben: Jutta Jetzke, Vorstand der WIR eG und Vorsitzende des Bundesverbandes haushaltsnaher Dienstleistungsunternehmen.

geschrieben von  boy