Hier zählt das WIR - bz vom 06.03.2012

Braunschweig: Die Wirtschaftsform der Genossenschaften war lange ins Vergessen geraten, nun erlebt sie ein Comeback. Gründer sind oft engagierte Bürger..

Von Katrin Bölstler

Großeinkauf, Böden wischen, Dosen und Altglas entsorgen - alles Tätigkeiten, die ältere Personen zunehmend vor Probleme stellen. Per Zufall stieß die 85-jährige Dora Maria Linkmann vor rund einem Jahr auf das Angebot der WIR eG - ein Glücksfall. Seitdem kommt eine Mitarbeiterin der Genossenschaft einmal die Woche zu ihr, um sie bei all den Dingen zu unterstützen, die ihr allein nicht mehr so flott von der Hand gehen. Neue kleine Genossenschaften wie die Wir eg boomen zurzeit in Deutschland. Über 600 haben sich in den vergangenen drei Jahren gegründet. Die Vereinten Nationen haben 2012 zum Jahr der Genossenschaften ausgerufen, um auf die steigende Bedeutung der Wirtschaftsform aufmerksam zu machen. Die Braunschweiger Wir eg gibt es seit 2006. Gegründet wurde sie mit Unterstützung des Diakonischen Werkes von 16 Arbeitslosen. Sie alle hatten eins gemeinsam: Jeder von ihnen wollte arbeiten, fand aber keinen Job. Teils, weil sie zu alt waren oder nur Teilzeit arbeiten konnten.

„Die Wir eg wurde in der Zeit gegründet, in der die Ich-AGs so boomten“, sagt Jutta Jetzke. Die Vorstandsfrau koordiniert ehrenamtlich die Arbeitseinsätze und stellt neue Mitarbeiter ein. Der Kreis der Gründer, erzählt sie, wollte gegen diesen Ich-Trend ein Zeichen setzten - und entschied sich für die Wirtschaftsform der Genossenschaft. „Hierbei steht das Wir, die Gemeinschaft im Mittelpunkt, die sich gemeinsam einem Ziel verschrieben hat“, sagt sie.

Das ist das besondere an einer Genossenschaft: Alle Mitglieder setzen sich selbstverantwortlich für das Bestehen des Unternehmens ein. Teils, in dem sie sich ehrenamtlich im Vorstand oder Aufsichtsrat engagieren oder eben als Mitarbeiter. „Natürlich müssen wir, wie jedes Unternehmen, auch Geld verdienen“, sagt Jetzke. Der Gedanke, gemeinsam sich für das Gemeinwohl einzusetzen, werde aber nie aus den Augen verloren.

Es ist diese Verbindung von Wirtschaftlichkeit und sozialer Verantwortung, die die Genossenschaft von anderen Unternehmensformen stark unterscheidet. Und während es in den Neunzigern noch vor allem Banken und Wohnungsbau-Unternehmen waren, die sich für die Form der Genossenschaft entschieden, stehen hinter den neuen Genossenschaften oft engagierte Bürger, die sich zusammenschließen, um zum Beispiel Lücken in der Versorgung zu schließen. Sie betreiben gemeinsam Dorfläden und kooperieren in Genossenschaften, um gemeinsam günstige Einkaufskonditionen zu erreichen.

Als die Wir eg sich 2006 gründete, war noch nicht abzusehen, dass die Gründer hier eine Marktlücke entdeckt hatten. „Wir haben sowohl junge Familien als Kunden, die einfach mal jemanden brauchen, der einmal die Woche gründlich durchputzt, als auch ältere Menschen, die nicht mehr selber die Hecke schneiden können“, sagt Jetzke. Die Bereitschaft ihrer Mitarbeiter, flexibel auf die Wünsche ihrer Kunden einzugehen, sei ihre größte Stärke.

Sechs Jahre nach ihrer Gründung sucht die Genossenschaft nun nach weiteren Aufgabenfeldern. Denn noch reicht das erwirtschaftete Geld nicht aus, um alle Kosten dadurch gegenzufinanzieren. Gern würde die eg deswegen auch im Bereich der Verhinderungspflege Fuß fassen oder Hausmeistertätigkeiten anbieten. „Einige unserer Mitarbeiter sind qualifiziert genug, um auch kleinere Handwerksarbeiten am Haus zu machen“, meint sie. Bis jetzt ist es zu solchen Kooperationen jedoch noch nicht gekommen.

•Die Wir eg ist unter http://www.wir-eg-bs.de/ oder telefonisch unter 0531 - 129 49 55 zu erreichen.